Wenn mich junge Kollegen oder Praktikanten
nach meinem Werdegang fragen, fällt mir immer mein erster
Arbeitstag auf der Akutstation des IV.Primariates im Otto Wagner
Spital (ehemals Steinhof ) ein.
Die Patienten waren in Schlafsälen untergebracht, mein eigenes
Zimmer hatte nicht einmal Telefonanschluß und ein Patient,
dem wohl meine Angst und Unsicherheit aufgefallen war, riss mich
an den Haaren und trommelte unablässig mit den Fäusten
an meine Zimmertür.
Ich erwog ernsthaft, die Station durch mein Zimmerfenster zu verlassen
(es lag praktischerweise im Hochparterre) und nicht mehr wiederzukehren.
Aber ich habe (auch Dank der Hilfe eines tollen Teams) durchgehalten
(auch sind die Schlafsäle verschwunden, alles ist neu renoviert
- Telefon und PC wurde installiert) und heute bin ich bereits
seit 12 Jahren als Klinische und Gesundheitspsychologin und als
Psychotherapeutin auf eben dieser Aufnahmestation und der dazugehörigen
Subakutstation tätig und zwar (meistens) mit großer
Freude, zuweilen sogar Begeisterung.
Die Begeisterung rührt aus der Arbeit mit jungen Menschen,
die an einer Psychose leiden, und deren Weg zurück ins normale
Alltagsleben zu begleiten, meine Aufgabe ist. Es macht mir Freude,
wenn nach schwierigen Zeiten der Verwirrung, des gedanklichen
und gefühlsmäßigen Chaos wieder Lebensmut und
eine Zukunftsperspektive auftaucht.
Was kann man machen, wenn die Psychose akut, das Krankenhaus und
sein Personal fremd und generell die Welt bedrohlich erscheint?
Da geht's mal nur ums Vertrauen, um Ruhe und Sicherheit, ums schlichte
Dasein.
Da müssen erst einmal die richtigen Medikamente gefunden
werde, die zwar beruhigen und die Angst lindern, aber auch nicht
zu müde machen, damit eine Teilnahme an einzelnen Therapien
überhaupt möglich ist. Erste Gespräche finden statt,
die Angehörigen kommen, alle wollen wissen, wie es weitergeht,
wie lange es noch dauert und überhaupt wieso passiert das
ausgerechnet uns.........Geduld heißt die Devise! Und natürlich
Verständnis - nein, eine Psychose hat nichts mit Intelligenz
zu tun, sie hat auch niemals nur einen einzelnen Auslöser
und immer eine Fülle von Ursachen, vieles ist noch unklar
und wird ständig intensiv beforscht. Sicherheit, Verlässlichkeit,
klare Strukturen, fixe Ansprechpartner - das tut jetzt gut - und
wird auch nach dem Spital von höchster Wichtigkeit sein.
Was meinen denn die Betroffenen selbst? Umfrage unter meinen Patienten
In der Aufnahmesituation:
Erstpsychose ist am schlimmsten - Chaos im Kopf und keinerlei
Vorstellung, was mit einem geschieht
Wichtig ist klare Vorgangsweise, ruhige Sprache, Erklären
der Vorgänge, bei Frauen Kleidungswechsel vor weiblichem
Personal, Ruhe.
Im weiteren Verlauf:
Fixer Ansprechpartner, Bezugsbetreuer
Erklären des Tagesablaufes
Erklären der Medikamente
Vereinbarungen müssen eingehalten werden
Betreuerteam handelt nach einer Linie
Warmes Licht, keine grellen Farben
Ruhige und gemütliche Räume mit entspannenden Sitzgelegenheiten
Körperpflege soll schmackhaft gemacht werden (ev. Geschenkproben
von Firmen)
Medikamentennebenwirkungen ernst nehmen
Sexuelle Probleme ernst nehmen
Kontakt zu Angehörigen herstellen, diese über Erkrankung
aufklären und Verständnis schaffen
Sportliche Aktivitäten
Kochen
Entspannung mit Musik
Für nach dem Spital:
Weiter Kontakt zum Bezugsbetreuer halten können
Betreutes Wohnen
Tagesstruktur - sinnvolle Tätigkeiten (Kochen, Sport, Berufsvorbereitung)
Arzt, der sich Zeit nimmt
Elternarbeit fortsetzen
Psychosechat (anonym, Info über Erkrankung, gegenseitige
Unterstützung) - professioneller Ansprechpartner sollte stundenweise
erreichbar sein
Club für junge Patienten mit gemeinsamen Aktivitäten,
als Treffpunkt, zum Musikhören - viele haben ihren ursprünglichen
Freundeskreis verloren
Einige dieser Punkte sind in unserer Abteilung schon fixer Bestandteil
des Betreuungsprogramms (Kochen, Sport, Entspannung, Angehörigenarbeit,
gute Koordination des Betreuerteams) - einige sollen im Rahmen
unseres Arbeitsschwerpunktes "Betreuung junger Patienten
mit Psychosen" etabliert werden.
Ein erster Schritt war es, Nachbetreuung für jene anzubieten,
die nach einem längeren Aufenthalt im Spital und aufgrund
der regelmäßigen Therapieangebote Vertrauen gefasst
und eine Beziehung aufgebaut hatten, die wichtig für die
Neuorientierung und die Reintegration im Alltagsleben ist.
Nach sehr guten Erfahrungen mit der Einzelbetreuung junger Patienten,
die nach ihrer Entlassung zu mir kommen und eine Weiterbetreuung
im Sinne des Case management in Anspruch nehmen - das heißt
schlichtweg ein Ansprechpartner, der alle weiteren Maßnahmen
(ärztliche Nachbetreuung, Medikamente besorgen, berufliche
Rehabilitation bzw. Tagesstruktur, Elternkontakte) koordiniert
und den Überblick behält - hat sich eine Gruppe gebildet,
die nun gemeinsam am Projekt Psychosechat arbeitet.
Wie alles begann
Zusätzlich zu den Einzelgesprächen entstand die Idee
zu gemeinsamen Aktivitäten. Da eine meiner Praktikantinnen
ausgebildete Yoga-Lehrerin war, hat sich eine kleine Gruppe
meiner Patienten motivieren lassen, jede Woche eine gemeinsame
Yogastunde zu absolvieren - Sport macht aber hungrig, also lag
es nahe, gleich danach gemeinsam ein Mittagessen zuzubereiten
und natürlich auch zu verspeisen.
Nach Beendigung ihres Praktikums hatten wir keine Yoga-Lehrerin
mehr, aber viel Spaß an den gemeinsamen Aktivitäten
gewonnen.
Schließlich ist man auch nach einem Spaziergang über
die Steinhofgründe hungrig und ein gemeinsames Mittagessen
einfach eine feine Sache. Und außerdem hat das Ganze ja
auch noch einen praktischen Nutzen - die Lieblingsspeisen selbst
zubereiten lernen kann ja auch nicht schaden.
Aus diesem Klima heraus entstanden Ideen..........
Und Jan Deisting hat Ideen - gute sogar! Seinem Engagement verdankt
das Psychosenetz seine Entstehung. Er konnte schließlich
kompetente Freunde (Manfred Stipanitz -EDV, Thomas Mitzka -
Texte) für dieses Projekt gewinnen, die seither eifrig
bei der Sache sind und unsere Kochrunde bereichern.
Und es gibt noch mehr Pläne: vielleicht gibt's einmal einen
Psychosetreff mit gemeinsamen Ausflügen, Musikhören,
Diskutieren,......... wer weiß?
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