Tätigkeitsbericht von Mag. Renate Skoda

Tätigkeitsbericht

von Mag. Renate Skoda

Wenn mich junge Kollegen oder Praktikanten nach meinem Werdegang fragen, fällt mir immer mein erster Arbeitstag auf der Akutstation des IV.Primariates im Otto Wagner Spital (ehemals Steinhof ) ein.
Die Patienten waren in Schlafsälen untergebracht, mein eigenes Zimmer hatte nicht einmal Telefonanschluß und ein Patient, dem wohl meine Angst und Unsicherheit aufgefallen war, riss mich an den Haaren und trommelte unablässig mit den Fäusten an meine Zimmertür.
Ich erwog ernsthaft, die Station durch mein Zimmerfenster zu verlassen (es lag praktischerweise im Hochparterre) und nicht mehr wiederzukehren.

Aber ich habe (auch Dank der Hilfe eines tollen Teams) durchgehalten (auch sind die Schlafsäle verschwunden, alles ist neu renoviert - Telefon und PC wurde installiert) und heute bin ich bereits seit 12 Jahren als Klinische und Gesundheitspsychologin und als Psychotherapeutin auf eben dieser Aufnahmestation und der dazugehörigen Subakutstation tätig und zwar (meistens) mit großer Freude, zuweilen sogar Begeisterung.
Die Begeisterung rührt aus der Arbeit mit jungen Menschen, die an einer Psychose leiden, und deren Weg zurück ins normale Alltagsleben zu begleiten, meine Aufgabe ist. Es macht mir Freude, wenn nach schwierigen Zeiten der Verwirrung, des gedanklichen und gefühlsmäßigen Chaos wieder Lebensmut und eine Zukunftsperspektive auftaucht.

Was kann man machen, wenn die Psychose akut, das Krankenhaus und sein Personal fremd und generell die Welt bedrohlich erscheint? Da geht's mal nur ums Vertrauen, um Ruhe und Sicherheit, ums schlichte Dasein.
Da müssen erst einmal die richtigen Medikamente gefunden werde, die zwar beruhigen und die Angst lindern, aber auch nicht zu müde machen, damit eine Teilnahme an einzelnen Therapien überhaupt möglich ist. Erste Gespräche finden statt, die Angehörigen kommen, alle wollen wissen, wie es weitergeht, wie lange es noch dauert und überhaupt wieso passiert das ausgerechnet uns.........Geduld heißt die Devise! Und natürlich Verständnis - nein, eine Psychose hat nichts mit Intelligenz zu tun, sie hat auch niemals nur einen einzelnen Auslöser und immer eine Fülle von Ursachen, vieles ist noch unklar und wird ständig intensiv beforscht. Sicherheit, Verlässlichkeit, klare Strukturen, fixe Ansprechpartner - das tut jetzt gut - und wird auch nach dem Spital von höchster Wichtigkeit sein.


Was meinen denn die Betroffenen selbst? Umfrage unter meinen Patienten

In der Aufnahmesituation:
Erstpsychose ist am schlimmsten - Chaos im Kopf und keinerlei Vorstellung, was mit einem geschieht
Wichtig ist klare Vorgangsweise, ruhige Sprache, Erklären der Vorgänge, bei Frauen Kleidungswechsel vor weiblichem Personal, Ruhe.

Im weiteren Verlauf:
Fixer Ansprechpartner, Bezugsbetreuer
Erklären des Tagesablaufes
Erklären der Medikamente
Vereinbarungen müssen eingehalten werden
Betreuerteam handelt nach einer Linie
Warmes Licht, keine grellen Farben
Ruhige und gemütliche Räume mit entspannenden Sitzgelegenheiten
Körperpflege soll schmackhaft gemacht werden (ev. Geschenkproben von Firmen)
Medikamentennebenwirkungen ernst nehmen
Sexuelle Probleme ernst nehmen
Kontakt zu Angehörigen herstellen, diese über Erkrankung aufklären und Verständnis schaffen
Sportliche Aktivitäten
Kochen
Entspannung mit Musik

Für nach dem Spital:
Weiter Kontakt zum Bezugsbetreuer halten können
Betreutes Wohnen
Tagesstruktur - sinnvolle Tätigkeiten (Kochen, Sport, Berufsvorbereitung)
Arzt, der sich Zeit nimmt
Elternarbeit fortsetzen
Psychosechat (anonym, Info über Erkrankung, gegenseitige Unterstützung) - professioneller Ansprechpartner sollte stundenweise erreichbar sein
Club für junge Patienten mit gemeinsamen Aktivitäten, als Treffpunkt, zum Musikhören - viele haben ihren ursprünglichen Freundeskreis verloren

Einige dieser Punkte sind in unserer Abteilung schon fixer Bestandteil des Betreuungsprogramms (Kochen, Sport, Entspannung, Angehörigenarbeit, gute Koordination des Betreuerteams) - einige sollen im Rahmen unseres Arbeitsschwerpunktes "Betreuung junger Patienten mit Psychosen" etabliert werden.
Ein erster Schritt war es, Nachbetreuung für jene anzubieten, die nach einem längeren Aufenthalt im Spital und aufgrund der regelmäßigen Therapieangebote Vertrauen gefasst und eine Beziehung aufgebaut hatten, die wichtig für die Neuorientierung und die Reintegration im Alltagsleben ist.
Nach sehr guten Erfahrungen mit der Einzelbetreuung junger Patienten, die nach ihrer Entlassung zu mir kommen und eine Weiterbetreuung im Sinne des Case management in Anspruch nehmen - das heißt schlichtweg ein Ansprechpartner, der alle weiteren Maßnahmen (ärztliche Nachbetreuung, Medikamente besorgen, berufliche Rehabilitation bzw. Tagesstruktur, Elternkontakte) koordiniert und den Überblick behält - hat sich eine Gruppe gebildet, die nun gemeinsam am Projekt Psychosechat arbeitet.

Wie alles begann


Zusätzlich zu den Einzelgesprächen entstand die Idee zu gemeinsamen Aktivitäten. Da eine meiner Praktikantinnen ausgebildete Yoga-Lehrerin war, hat sich eine kleine Gruppe meiner Patienten motivieren lassen, jede Woche eine gemeinsame Yogastunde zu absolvieren - Sport macht aber hungrig, also lag es nahe, gleich danach gemeinsam ein Mittagessen zuzubereiten und natürlich auch zu verspeisen.
Nach Beendigung ihres Praktikums hatten wir keine Yoga-Lehrerin mehr, aber viel Spaß an den gemeinsamen Aktivitäten gewonnen.
Schließlich ist man auch nach einem Spaziergang über die Steinhofgründe hungrig und ein gemeinsames Mittagessen einfach eine feine Sache. Und außerdem hat das Ganze ja auch noch einen praktischen Nutzen - die Lieblingsspeisen selbst zubereiten lernen kann ja auch nicht schaden.
Aus diesem Klima heraus entstanden Ideen..........
Und Jan Deisting hat Ideen - gute sogar! Seinem Engagement verdankt das Psychosenetz seine Entstehung. Er konnte schließlich kompetente Freunde (Manfred Stipanitz -EDV, Thomas Mitzka - Texte) für dieses Projekt gewinnen, die seither eifrig bei der Sache sind und unsere Kochrunde bereichern.

Und es gibt noch mehr Pläne: vielleicht gibt's einmal einen Psychosetreff mit gemeinsamen Ausflügen, Musikhören, Diskutieren,......... wer weiß?

 

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