Beiträge von ExpertInnen

Erfahrungsbericht über meine
Ausbildungszeit auf der Psychiatrischen Akutstation

Mag. Doris Baldinger

Im November 2006 begann ich meine Ausbildung zur Klinischen und Gesundheitspsychologin auf der Akutstation der 4. Psychiatrischen Abteilung des Otto Wagner Spitals (OWS). Mag. Renate Skoda war während meines 5-monatigen Praktikums dort meine Ausbildungspsychologin und „Lehrmeisterin“. Wie kam es dazu?

Nach Abschluss meines Psychologiestudiums hatte ich mich entschieden, die Ausbildung zur Klinischen und Gesundheitspsychologin zu absolvieren, um ENDLICH (das Studium ist recht trocken und theoretisch …) auch über praktisch-klinische Erfahrung und Kompetenz zu verfügen und nicht bloß Lehrbuchwissen so recht und schlecht im Kopf zu haben.
So freute ich mich auf das Tun und Beobachten, wo ich mich doch während des Studiums oft bloß mit dem Lesen von Fallbeispielen zufrieden geben musste.

Für die Akutpsychiatrie hatte ich mich deshalb entschieden, weil sie ein Feld darstellte, in dem ich während des gesamten Studiums einerseits nur sehr wenige Erfahrungen gesammelt hatte, andererseits aus Interesse für die klinisch-psychologische Arbeit mit Erwachsenen generell. Ich hatte mir zwar im Laufe des Studiums Praktika in verschiedenen psychologischen Fachbereichen angeschaut (verkehrspsychologische Untersuchungen und Nachschulungen, Personalauswahl im wirtschaftspsychologischen Kontext, (test-)psychologische Diagnostik bei Kindern und Erwachsenen, klinische Erstgespräche bei PatientInnen des AKH Wien…), aber mit meinem klinischen Wissen gab ich mich nach dem Studium nicht zufrieden. So ergatterte ich – durch ein Quäntchen Glück und Engagement – den Ausbildungsplatz bei Renate.

Die ersten zwei Monate meiner Ausbildung würde ich als „Orientierungsphase“ beschreiben. Bis ich mir die vielen neuen Gesichter des Teams, den Tages- und Wochenablauf auf der Station und die wichtigsten Fachbegriffe und Medikamentennamen halbwegs gemerkt hatte, brauchte ich Zeit. Dabei waren für mich zwei Aspekte besonders wichtig: der Austausch mit anderen PraktikantInnen und die regelmäßige Supervision mit Renate (d.h. ein gemeinsames Nachdenken und Unterhalten z. B. über Medikamentenwirkungen und –nebenwirkungen, die Unterscheidung einzelner Krankheitsbilder oder einzelne PatientInnen, die wir betreuten).

Meine Aufgabenbereiche während meines Praktikums waren vielfältig:
Durchführung von kleinen „Gedächtnistests“ mit PatientInnen,
PatientInnen-Begleitung (z. B. in die eigene Wohnung oder zu bestimmten Terminen),
Einzelbetreuung von PatientInnen (Gespräche, Spaziergänge)
Mitwirkung bei den Gruppenangeboten („Entzugsgruppe“ für PatientInnen mit Suchtproblemen jeglicher Art; Stationsgruppe) und
Mitkochen und –essen in der Kochgruppe (einer kleinen Gruppe von großteils ambulanten PatientInnen, die zu den Initiatoren dieser Website gehören).

Jeder Morgen begann um 8:30 mit der Durchgehvisite, an der das multiprofessionelle Team (also verschiedene Berufsgruppen, die im Krankenhaus arbeiten: Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Mitglieder des Pflegeteams und PraktikantInnen) beteiligt war. Im Rahmen der Durchgehvisite bekam ich zumeist mit, welche PatientInnen seit dem Vortag neu aufgenommen wurden, was der Grund der Aufnahme war und ob eine Anhaltung ohne eigenes Verlangen gemäß dem Unterbringungsgesetz (also eine unfreiwillige Aufnahme) vorlag. Während der daran anschließenden Zettelvisite wurde jeder Patient einzeln im Hinblick auf Medikation, Untersuchungsbefunde (z. B. der Medikamentenspiegel im Blut), Zuweisungen zu verschiedensten Therapien (Ergotherapie, Musiktherapie, Animation/Beschäftigung, Entspannungstraining) und/oder der Entzugsgruppe durchbesprochen. Hatte sich das Zustandsbild eines Patienten/einer Patientin soweit gebessert, dass er/sie mit einem informellen, also freiwilligen, Aufenthalt einverstanden war, konnte bald eine Verlegung auf die Subakutstation veranlasst werden, von der aus die meisten PatientInnen wieder nach Hause oder in ihre Betreuungseinrichtung entlassen wurden.

Bei – meiner Einschätzung nach – ca. einem Drittel bis einem Viertel der PatientInnen, die stationär aufgenommen wurden, wurde eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis diagnostiziert (also beispielsweise Diagnosen wie: paranoide Schizophrenie, schizoaffektive Psychose, schizophrener Residualzustand).
Dabei spiegelte sich die aus der Krankheitslehre bekannte Altersverteilung von diesen Erkrankungen gut wider (wobei die folgenden 2 Punkte keinesfalls allgemein gültig sind und für jede und jeden zutreffen!):

1.viele männliche Patienten, bei denen eine Psychose diagnostiziert wurde, waren meist Anfang 20 oder jünger, als die Erstaufnahme stattfand. Gelegentlich gab es in der Vorgeschichte Drogen, die den Ausbruch oder die Verstärkung der Erkrankung begünstigt haben könnten. Schwierige Lebensumstände (im Elternhaus, mit der Ausbildung etc.) und/oder gehäuftes Auftreten derselben oder anderer psychischer Erkrankungen bei den nächsten Verwandten dieser Patienten waren nicht unüblich. Teilweise beobachtete ich während meiner 5-monatigen Ausbildungszeit mehrere stationäre Aufenthalte ein und desselben Patienten. Oftmals standen wiederholte Aufnahmen im Zusammenhang mit dem selbstständigen Absetzen der Medikation, was immer längere (unfreiwillige) stationäre Aufenthalte notwendig machte.
2.viele weibliche Patienten mit der Diagnose einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis waren bei der Erstaufnahme meistens durchschnittlich um 10 Jahre älter, also so zwischen 25 und 30 Jahre. Der Großteil von ihnen verfügte über eine abgeschlossene Berufsausbildung, einige hatten sogar Kinder und Familie. Belastende Lebensereignisse und familiär gehäuft auftretende psychische Erkrankungen waren auch bei dieser Gruppe der Patientinnen teilweise in der Vorgeschichte. Der Verlauf der Erkrankung bei den weiblichen Patienten war gelegentlich weniger schwerwiegend: aufgrund des späteren Krankheitsbeginns lagen schon eine „gefestigtere“ Persönlichkeitsstruktur und besser geregelte Lebensverhältnisse vor, als bei den Anfang 20-Jährigen, die am Beginn des Erwachsenenlebens standen.
Selten waren auch Fälle beobachtbar, wo eine Erkrankung diagnostiziert wurde, die in Teilaspekten den schizophrenen Erkrankungen vom Erscheinungsbild her ähnlich waren (z. B. wahnhafte Störungen im Zusammenhang mit schweren Depressionen, Demenz, Alkoholismus), wo aber kein Vollbild einer Psychose feststellbar war.

Für mich als „Beobachterin“ des Stationsalltags war es oftmals schwer nachvollziehbar, wenn das selbstständige Absetzen der verordneten Medikamente der Grund für wiederholte stationäre Aufnahmen war. Versetzte ich mich allerdings gedanklich in die Lage eines/einer Betroffenen, konnte ich die Problematik der Medikamentencompliance besser verstehen. Wie musste es sein, Medikamente einzunehmen, von denen man den Eindruck hat, sie würden die Persönlichkeit verändern, sodass man sich selbst „fremd“ wird? Was daran soll vorteilhaft sein, wenn man zusätzlich mit Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und Müdigkeit zu kämpfen hat?
Auf den ersten Blick mögen die Nachteile der regelmäßigen Medikamenteneinnahme vordergründig scheinen. Die überzeugenden, oft lebenswichtigen Vorteile der medikamentösen Therapie werden aber klar, wenn es gelingt, vorausschauend und langfristig zu denken: antipsychotische Medikamente bzw. Neuroleptika helfen, die bestmögliche Lebensqualität zu erhalten bzw. wieder herzustellen, indem sie oftmals Angst nehmen und beruhigen, indem sie helfen, sich besser konzentrieren zu können und verwirrende Gedanken wieder ordnen zu können und indem sie auch dabei helfen, wichtige Informationen besser zu bündeln und so die Ablenkbarkeit zu reduzieren, was wiederum zu einem besseren Zurechtfinden im Alltag führt etc.
Während meiner Ausbildungszeit habe ich PatientInnen kennen und schätzen gelernt, denen es gelungen ist, mit antipsychotischer Medikation ihren Alltag sehr gut zu bewältigen bzw. wieder in ein geregeltes Alltagsleben zurückzufinden. Vorausgegangen ist dieser Errungenschaft der Aufbau einer soliden Vertrauensbasis zu einzelnen „AnsprechpartnerInnen“ im Spital. Psychoseerkrankte sind nämlich – und das war für mich eine ganz wesentliche Erfahrung – hoch sensibel und empfänglich für Zwischenmenschliches, was den Aufbau einer Vertrauensbeziehung umso wichtiger macht.
Neben den vielen fachlich-klinischen Dingen, die ich während meiner Ausbildung auf der Akutpsychiatrie gelernt habe und die für mich wichtiges „Handwerkszeug“ in meinem weiteren Berufsleben darstellen, habe ich vor allem bewundernswerte junge Menschen kennen gelernt, die ihr Leben mit Psychose leben und sehr gut meistern, mit denen man ganz vorzügliche Gerichte kochen kann und mit denen man vor allem lachen und Spaß haben kann!

Aus diesem Grund bedanke ich mich bei euch: liebe Renate, liebe „Crazy Chefs“ der Kochgruppe, DANKE für die tolle Zeit und alles, was ich bei und von euch lernen durfte. Bis bald!


Doris Baldinger