Beiträge von ExpertInnen

Das Psychosenetz, wie es entstand, und Perspektiven

Jan Deisting

Es waren für mich einige verwirrte Tage auf der IV. psychiatrischen Abteilung des Wiener Otto Wagner Spitals im Frühjahr 2005.
Als ich wieder halbwegs bei Sinnen war, begann ich nochmals mit der psychologischen Therapie bei der freundlichen und ambitionierten klinischen Psychologin Fr. Mag. Renate Skoda.

Als Außenstehender kann man sich nur schwer vorstellen, wie es möglich ist, immer und immer wieder in die Illusion Schizophrenie zu geraten.
Besonders schmerzlich ist meiner Erfahrung nach die erste Phase der akuten Psychose, in der die Erlebnisse wirklich beklemmend und beängstigend sind. Man gewöhnt sich nur äußerst schlecht an die neuen Zustände, die sich dann zum bitteren Alltag wandeln. Ich kämpfte damals zwei Jahre lang um mein zerrissenes Ich, bis ich wieder halbwegs gesellschaftsfähig war.

Irgendwann, als die Symptome für mich noch akut waren, fand ich einen Psychose-Chat im Internet. Ich fühlte mich dort sehr wohl, da es einige ältere an Schizophrenie erkrankte Psychotiker gab, die sich sehr freundlich und erfahren um ihre jüngeren Freunde kümmerten. Sie haben mir damals sehr geholfen, mit meinen schizophrenen Gedanken klar zu kommen. Diese Momente sind bei mir bis heute nicht in Vergessenheit geraten.

Ich verbrachte einige Zeit im Web. Als es mir besser ging, zog es mich wieder in die weite Welt hinaus. Ich ließ das Internet bleiben und lebte in den Tag hinein. Doch irgendwann holte mich die Illusion wieder ein. Damals wurde ich auf der Akutstation von Renate Skoda unter eine schützende Hand genommen. Ihre Frage an mich war, wie empfindet ein Schizophrener den Aufenthalt, und was würde ich ändern am IV. Pavillon des Wiener OWS. Ich war damals schon einige Zeit erkrankt und hatte mir in dieser Zeit wirklich Gedanken gemacht. In einigen Gesprächen kamen wir zu dem Ergebnis, dass ein neues Projekt zurzeit gar nicht so ungünstig wäre. Doch was genau sollte es werden? Hausintern gab es keine freien Ressourcen. Also kam ich mit der Idee, eine Web-Community mit Chat und Forum zu gründen. Das war was Bodenständiges.

Ich habe zwei tolle Kollegen, die ich noch in das Projekt integrierte. Jetzt kannte ich auf der einen Seite wohl gesonnene Ärzte und Psychologen, und auf der anderen Seite zwei junge Freunde, mit denen ich das gesamte Projekt im Gerüst alleine aufbauen konnte. Wir packten die Gelegenheit beim Schopf und konstruierten einen Prototyp. Langsam wurde das Projekt auf der Station bekannt und bekam Unterstützung von vielen verschiedenen wichtigen Personen. Wir entschlossen uns, auch Expertenbeiträge und Berichte und News von eben jenen und anderen öfters zu aktualisieren, um die Seriosität und Glaubwürdigkeit der Website zu erhöhen. Zum Glück hatte ich damals Zugang zu all diesen Personen, und so wurde es möglich, dass das Psychosenetz, wie es heute ist, entstehen konnte.

Es ist nun der erste Sommer ins Land unserer Webcommunity gezogen. Das Forum hat schon so richtig zu blühen begonnen und enthält sehr wertvolle Beiträge. Ich konnte schon ein paar Mal unterhaltsame Chatter in unserem Psychosenetz-Chat erblicken und hoffe, dass es bald mehr werden. Die Expertenbeiträge werden auch wieder aktualisiert werden, und uns so mehr Hintergrundwissen zum Thema Psychose bieten. Das Psychosenetz-Team möchte in Zukunft gerne öffentlich Werbung machen und es somit mehreren Personen ermöglichen, sich uns mitzuteilen und an diesem Projekt teilzuhaben. Es ist auch geplant, bei Projektwettbewerben mitzumachen, wo uns vielleicht sogar ein paar Preise winken.

Abschließend möchte ich noch gerne sagen, dass ich mit dem derzeitigen Stand der Dinge echt zufrieden bin und mich echt freue, wie sich unser Psychosenetz-Projekt entwickelt hat. Einige haben hier wertvolle neue Freunde gefunden und sich ihr Leid von der Seele schreiben können. Ihre Zuneigung zu uns und zu dem Projekt hat dem Psychosenetz-Team echten Auftrieb gegeben. Ich hoffe, dass wir noch eine echt tolle Zeit miteinander erleben dürfen, in der wir dem Ziel, die Krankheit zu verstehen, und sie vielleicht sogar besiegen zu können, mit unserem Projekt ein Stück näher gekommen sind.


Ich wünsche euch noch einen schönen Jahreswechsel,
euer Jan Henryk Deisting