Neuroleptika
(NL) sind - wie schon an anderer Stelle dieses Psychosenetzes
geschildert - effektiv in der Therapie pychotischer Symptome,
können jedoch nach der initialen Behandlungsphase den Betroffenen
nicht ein für alle Mal heilen. Daher ist es für viele
Patienten notwendig, die medikamentöse Therapie fortzusetzen,
um einen Rückfall zu vermeiden.
Im Verlauf einer NL-therapie können sich manchmal –
mitunter schon nach wenigen Tagen oder erst nach einigen Jahren
- charakteristische Bewegungsstörungen entwickeln. Ob es
dazu kommt, hängt neben Geschlecht und Alter des Patienten
besonders von der Art des verwendeten Antipsychotikums ab: bei
typischen (traditionellen, „klassischen“) NL sind
solche Nebenwirkungen im allgemeinen häufiger zu sehen
als bei den „neueren“ atypischen NL (Atypika). Auf
diese unterschiedlichen NL-induzierten Bewegungsstörungen
soll in weiterer Folge näher eingegangen werden. Es sei
jedoch hervorzuheben, dass die Mehrzahl der verursachten Syndrome
reversibel ist und zumeist am Beginn der medikamentösen
Therapie auftritt.
Frühdyskinesien (FD): Dazu zählt
man akute dystone Reaktionen, welche am häufigsten den
Gesichts- sowie Halsbereich betreffen: okulogyre Krise (tonische
Blickkrämpfe, zumeist mit Blickrichtung nach oben), oromandibuläre
Dystonie (Zungen-Schlundkrämpfe) sowie Opisthotonus (krampfhafte
Streckung des Rückens mit Rückwärtsneigung des
Kopfes). Es kann auch zu Hyperkinesien (unkontrollierbaren Überbewegungen)
der mimischen Muskulatur oder auch der Extremitäten kommen.
Neunzig Prozent aller FD ereignen sich innerhalb der ersten
5 Tage nach Behandlungsbeginn und treten insgesamt bei bis zu
einem Drittel der Patienten auf. Am häufigsten sieht man
diese Form der Nebenwirkung bei Gabe hochpotenter, typischer
NL, vor allem im Zusammenhang mit schnellem Aufdosieren und
dem Gebrauch einer hohen NL-Dosis. Jüngere, männliche
Patienten scheinen ein höheres Risiko für FD zu haben,
besonders wenn aus der medizinischen Vorgeschichte eine akute
dystone Reaktion vorbekannt ist. FD sprechen in der Regel zuverlässig
auf Gabe von Biperiden (Akineton®) an.
Akathisie: Dieser Begriff bezeichnet die Unfähigkeit, längere
Zeit die gleiche Körperhaltung einzunehmen. Subjektiv besteht
beim Betroffenen eine als quälend empfundene Bewegungsunruhe.
Dies kann manchmal als Reaktivierung einer Psychose mißverstanden
werden. Neunzig Prozent aller Fälle von Akathisie treten
innerhalb von 3 Monaten nach Beginn der NL-Therapie auf. Obwohl
diese Nebenwirkung häufiger nach Gabe hochpotenter NL zu
sehen ist, kann prinzipiell jedes niederpotente NL oder Atypikum
zu dieser Komplikation führen. Jüngere, weibliche
Patienten scheinen hierbei das größere Risiko für
die Entwicklung einer Akathisie zu haben. Die Symptome bessern
sich bald nach Dosisreduktion des NL, nach Zugabe eines Benzodiazepins
(z.B. Temesta®) oder eines Beta-Blockers wie z.B. Propranolol
(Inderal®). Bei Ausbleiben einer Besserung wird das betreffende
NL abgesetzt und auf ein anderes Präparat gewechselt.
NL-bedingtes Parkinson-Syndrom (Parkinsonoid): Diese Bewegungsstörung
ähnelt in seiner Ausprägung dem Morbus Parkinson,
da es zum Auftreten der Kardinalsymptome dieser Erkrankung kommt:
Symptome wie Bradykinese (langsame Bewegungen), Rigor (Muskelsteifigkeit),
Tremor (Muskelzittern) sowie Störung der Stellreflexe mit
erhöhter Fallneigung können allein oder in Kombination
vorkommen. Bis zu 10 Prozent aller Fälle von NL-assoziiertem
Parkinsonoid treten in der ersten Behandlungswoche auf, nach
3 Monaten ist ein Auftreten dieser Nebenwirkung selten. Ältere
Patienten, in der Mehrzahl weiblichen Geschlechts, haben das
größere Risiko ein Parkinsonoid zu entwickeln, besonders
nach Gabe hochpotenter NL. Orale Anticholinergika (z.B. Biperiden)
und Amantadin (Symmetrel®) sind oft effektiv; L-Dopa kann
die Symptomatik nicht verbessern, da die Dopamin-Rezeptoren
durch das Antipsychotikum bereits blockiert sind. In den meisten
Fällen wechselt man auf das atypische NL Quetiapin (Seroquel®),
da es - ähnlich wie Clozapin (Leponex®) - kein Parkinson-Syndrom
hervorruft.
Entzugsdyskinesien: Nach abruptem Absetzen einer über lange
Zeit durchgeführten NL-Therapie kann es zu sogenannten
choreatischen Störungen kommen: es treten dabei unwillkürliche,
rasche, ausfahrende und unregelmäßige Bewegungen
vor allem der Hände und Beine, aber auch des Gesichts,
auf. Manchmal kann das klinische Bild nur schwer von Spätdyskinesien
(siehe unten) zu unterscheiden sein. Diese Nebenwirkung ist
umso häufiger, je jünger die Patienten sind. Nach
Wochen kommt es spontan zu einer Besserung der Symptomatik.
In der Regel wird man aber versuchen, mit dem abgesetzten NL
wieder zu beginnen und dieses schrittweise in seiner Dosierung
zu reduzieren.
Spätdyskinesien o. tardive Dyskinesien (TD): Dieser Terminus
bezieht sich auf abnorme, unwillkürliche Bewegungen, welche
durch chronische Behandlung mit einem NL (mehr als 3 Monate)
entstanden sind. Diese Nebenwirkungen bessern sich nach Absetzen
des NL nur sehr langsam, oft dauern sie zeitlebens an. In einem
Drittel der Fälle kommt es innerhalb von 3 Monaten nach
Absetzen des NL zu einer zufriedenstellenden Besserung der Symptomatik.
Das Risiko für die Entwicklung einer TD steigt mit der
Dauer der NL-Therapie und dem Alter. Frauen und zerebral vorgeschädigte
Patienten scheinen etwas häufiger betroffen zu sein. Atypika
sind seltener mit TD assoziiert als die traditionellen hoch-
oder niederpotenten NL. Die klassische Form der TD ist gekennzeichnet
durch sich wiederholende schnelle Bewegungen, zumeist im Bereich
der unteren Gesichtshälfte: sog. orobuccolinguale Dyskinesien,
die kauenden Bewegungen ähneln können; es kommt oft
zu einem Herausstrecken der Zunge (Fliegenfänger-Zunge).
Auch stereotype Schaukelbewegungen des Körpers und andere
Arten von Bewegungsstörungen, zuweilen mit choreatischem
Charakter, prägen das klinische Bild. Die Patienten sind
sich oft nicht ihrer Bewegungsstörung bewusst. Auch Spätdystonien,
anhaltende unwillkürliche Muskelanspannungen im Bereich
eines Körperareals, sowie Spätakathisien, aber auch
Tics, Myoklonien und Tremor können als Komplikation einer
Langzeitbehandlung mit NL auftreten. Die medikamentöse
Therapie der TD ist nicht sehr wirkungsvoll. Reserpin (Brinerdin®)
oder Tetrabenazin (Nitoman®) kann in manchen Fällen
zu einer Befundverbesserung führen.
Das maligne neuroleptische Syndrom (MNS): Es handelt sich hierbei
um eine seltene, aber potentiell lebensbedrohliche Nebenwirkung
einer Therapie mit NL. Prinzipiell können alle NL ein MNS
auslösen, es gibt keine alters- oder geschlechtsspezifischen
Unterschiede für das Risiko einer solchen Nebenwirkung.
Dieses Syndrom ist gekennzeichnet durch die Trias von hohem
Fieber (bis zu 42°C), autonomer Instabilität (Herzrasen,
Blässe, Schwitzen, Blutdruckschwankungen, Störungen
der Atmung) sowie einer Bewegungsstörung (Rigor, Bradykinese,
Katatonie). Zudem kommt es zu Bewusstseinsveränderung bis
hin zu Koma; in unbehandelten Fällen ist die Mortalität
hoch. Das betreffende NL muss sofort abgesetzt werden. Während
der stationären Behandlung wird das Muskelrelaxans Dantrolen
verabreicht, oft muss der Patient wegen einer gleichzeitig bestehenden
Rhabdomyolyse (Muskelzerfall) behandelt werden.
Abschließend möchte ich bemerken,
dass die oben erwähnten Nebenwirkungen in der Mehrzahl
der behandelten Patienten ausbleiben werden. Im Falle einer
Entwicklung von Bewegungsstörungen ist es jedoch wichtig,
diese zeitgerecht als Komplikation der NL-Therapie zu identifizieren,
um im Anschluss die entsprechenden Maßnahmen zu treffen.