Neuroleptikabedingte Bewegungsstörungen von Dr. Marko Reumann

Neuroleptikabedingte Bewegungsstörungen

von Dr. Marko Reumann

Neuroleptika (NL) sind - wie schon an anderer Stelle dieses Psychosenetzes geschildert - effektiv in der Therapie pychotischer Symptome, können jedoch nach der initialen Behandlungsphase den Betroffenen nicht ein für alle Mal heilen. Daher ist es für viele Patienten notwendig, die medikamentöse Therapie fortzusetzen, um einen Rückfall zu vermeiden.
Im Verlauf einer NL-therapie können sich manchmal – mitunter schon nach wenigen Tagen oder erst nach einigen Jahren - charakteristische Bewegungsstörungen entwickeln. Ob es dazu kommt, hängt neben Geschlecht und Alter des Patienten besonders von der Art des verwendeten Antipsychotikums ab: bei typischen (traditionellen, „klassischen“) NL sind solche Nebenwirkungen im allgemeinen häufiger zu sehen als bei den „neueren“ atypischen NL (Atypika). Auf diese unterschiedlichen NL-induzierten Bewegungsstörungen soll in weiterer Folge näher eingegangen werden. Es sei jedoch hervorzuheben, dass die Mehrzahl der verursachten Syndrome reversibel ist und zumeist am Beginn der medikamentösen Therapie auftritt.

Frühdyskinesien (FD): Dazu zählt man akute dystone Reaktionen, welche am häufigsten den Gesichts- sowie Halsbereich betreffen: okulogyre Krise (tonische Blickkrämpfe, zumeist mit Blickrichtung nach oben), oromandibuläre Dystonie (Zungen-Schlundkrämpfe) sowie Opisthotonus (krampfhafte Streckung des Rückens mit Rückwärtsneigung des Kopfes). Es kann auch zu Hyperkinesien (unkontrollierbaren Überbewegungen) der mimischen Muskulatur oder auch der Extremitäten kommen. Neunzig Prozent aller FD ereignen sich innerhalb der ersten 5 Tage nach Behandlungsbeginn und treten insgesamt bei bis zu einem Drittel der Patienten auf. Am häufigsten sieht man diese Form der Nebenwirkung bei Gabe hochpotenter, typischer NL, vor allem im Zusammenhang mit schnellem Aufdosieren und dem Gebrauch einer hohen NL-Dosis. Jüngere, männliche Patienten scheinen ein höheres Risiko für FD zu haben, besonders wenn aus der medizinischen Vorgeschichte eine akute dystone Reaktion vorbekannt ist. FD sprechen in der Regel zuverlässig auf Gabe von Biperiden (Akineton®) an.

Akathisie: Dieser Begriff bezeichnet die Unfähigkeit, längere Zeit die gleiche Körperhaltung einzunehmen. Subjektiv besteht beim Betroffenen eine als quälend empfundene Bewegungsunruhe. Dies kann manchmal als Reaktivierung einer Psychose mißverstanden werden. Neunzig Prozent aller Fälle von Akathisie treten innerhalb von 3 Monaten nach Beginn der NL-Therapie auf. Obwohl diese Nebenwirkung häufiger nach Gabe hochpotenter NL zu sehen ist, kann prinzipiell jedes niederpotente NL oder Atypikum zu dieser Komplikation führen. Jüngere, weibliche Patienten scheinen hierbei das größere Risiko für die Entwicklung einer Akathisie zu haben. Die Symptome bessern sich bald nach Dosisreduktion des NL, nach Zugabe eines Benzodiazepins (z.B. Temesta®) oder eines Beta-Blockers wie z.B. Propranolol (Inderal®). Bei Ausbleiben einer Besserung wird das betreffende NL abgesetzt und auf ein anderes Präparat gewechselt.
NL-bedingtes Parkinson-Syndrom (Parkinsonoid): Diese Bewegungsstörung ähnelt in seiner Ausprägung dem Morbus Parkinson, da es zum Auftreten der Kardinalsymptome dieser Erkrankung kommt: Symptome wie Bradykinese (langsame Bewegungen), Rigor (Muskelsteifigkeit), Tremor (Muskelzittern) sowie Störung der Stellreflexe mit erhöhter Fallneigung können allein oder in Kombination vorkommen. Bis zu 10 Prozent aller Fälle von NL-assoziiertem Parkinsonoid treten in der ersten Behandlungswoche auf, nach 3 Monaten ist ein Auftreten dieser Nebenwirkung selten. Ältere Patienten, in der Mehrzahl weiblichen Geschlechts, haben das größere Risiko ein Parkinsonoid zu entwickeln, besonders nach Gabe hochpotenter NL. Orale Anticholinergika (z.B. Biperiden) und Amantadin (Symmetrel®) sind oft effektiv; L-Dopa kann die Symptomatik nicht verbessern, da die Dopamin-Rezeptoren durch das Antipsychotikum bereits blockiert sind. In den meisten Fällen wechselt man auf das atypische NL Quetiapin (Seroquel®), da es - ähnlich wie Clozapin (Leponex®) - kein Parkinson-Syndrom hervorruft.

Entzugsdyskinesien: Nach abruptem Absetzen einer über lange Zeit durchgeführten NL-Therapie kann es zu sogenannten choreatischen Störungen kommen: es treten dabei unwillkürliche, rasche, ausfahrende und unregelmäßige Bewegungen vor allem der Hände und Beine, aber auch des Gesichts, auf. Manchmal kann das klinische Bild nur schwer von Spätdyskinesien (siehe unten) zu unterscheiden sein. Diese Nebenwirkung ist umso häufiger, je jünger die Patienten sind. Nach Wochen kommt es spontan zu einer Besserung der Symptomatik. In der Regel wird man aber versuchen, mit dem abgesetzten NL wieder zu beginnen und dieses schrittweise in seiner Dosierung zu reduzieren.

Spätdyskinesien o. tardive Dyskinesien (TD): Dieser Terminus bezieht sich auf abnorme, unwillkürliche Bewegungen, welche durch chronische Behandlung mit einem NL (mehr als 3 Monate) entstanden sind. Diese Nebenwirkungen bessern sich nach Absetzen des NL nur sehr langsam, oft dauern sie zeitlebens an. In einem Drittel der Fälle kommt es innerhalb von 3 Monaten nach Absetzen des NL zu einer zufriedenstellenden Besserung der Symptomatik. Das Risiko für die Entwicklung einer TD steigt mit der Dauer der NL-Therapie und dem Alter. Frauen und zerebral vorgeschädigte Patienten scheinen etwas häufiger betroffen zu sein. Atypika sind seltener mit TD assoziiert als die traditionellen hoch- oder niederpotenten NL. Die klassische Form der TD ist gekennzeichnet durch sich wiederholende schnelle Bewegungen, zumeist im Bereich der unteren Gesichtshälfte: sog. orobuccolinguale Dyskinesien, die kauenden Bewegungen ähneln können; es kommt oft zu einem Herausstrecken der Zunge (Fliegenfänger-Zunge). Auch stereotype Schaukelbewegungen des Körpers und andere Arten von Bewegungsstörungen, zuweilen mit choreatischem Charakter, prägen das klinische Bild. Die Patienten sind sich oft nicht ihrer Bewegungsstörung bewusst. Auch Spätdystonien, anhaltende unwillkürliche Muskelanspannungen im Bereich eines Körperareals, sowie Spätakathisien, aber auch Tics, Myoklonien und Tremor können als Komplikation einer Langzeitbehandlung mit NL auftreten. Die medikamentöse Therapie der TD ist nicht sehr wirkungsvoll. Reserpin (Brinerdin®) oder Tetrabenazin (Nitoman®) kann in manchen Fällen zu einer Befundverbesserung führen.

Das maligne neuroleptische Syndrom (MNS): Es handelt sich hierbei um eine seltene, aber potentiell lebensbedrohliche Nebenwirkung einer Therapie mit NL. Prinzipiell können alle NL ein MNS auslösen, es gibt keine alters- oder geschlechtsspezifischen Unterschiede für das Risiko einer solchen Nebenwirkung. Dieses Syndrom ist gekennzeichnet durch die Trias von hohem Fieber (bis zu 42°C), autonomer Instabilität (Herzrasen, Blässe, Schwitzen, Blutdruckschwankungen, Störungen der Atmung) sowie einer Bewegungsstörung (Rigor, Bradykinese, Katatonie). Zudem kommt es zu Bewusstseinsveränderung bis hin zu Koma; in unbehandelten Fällen ist die Mortalität hoch. Das betreffende NL muss sofort abgesetzt werden. Während der stationären Behandlung wird das Muskelrelaxans Dantrolen verabreicht, oft muss der Patient wegen einer gleichzeitig bestehenden Rhabdomyolyse (Muskelzerfall) behandelt werden.

Abschließend möchte ich bemerken, dass die oben erwähnten Nebenwirkungen in der Mehrzahl der behandelten Patienten ausbleiben werden. Im Falle einer Entwicklung von Bewegungsstörungen ist es jedoch wichtig, diese zeitgerecht als Komplikation der NL-Therapie zu identifizieren, um im Anschluss die entsprechenden Maßnahmen zu treffen.

 

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