Psychose - Schwangerschaft und Geburt von Dr. Beate Müller

Psychose - Schwangerschaft und Geburt

von Dr. Beate Müller

Frauen mit psychiatrischen Erkrankungen und Kinderwunsch bedürfen einer besonderen psychiatrischen, psycho-und sozialtherapeutischen Betreuung. Deshalb sollte dieses Thema von den betroffenen Frauen und den behandelnden ÄrztInnen und TherapeutInnen angesprochen werden.
Mit ca. 10-20% ist die Depression die häufigste psychische Erkrankung während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Das Risiko ist umso höher, wenn bereits vor der Schwangerschaft eine Depression bestanden hat.
Bei Vorbestehen schizophrener oder bipolarer Störungen besteht während der Schwangerschaft ohne entsprechender Behandlung ein 50% Rückfallrisiko. Das Risiko an einer Psychose zu erkranken ist, nach einer Geburt ca. 30mal höher als zu anderen Zeiten.
Unbehandelte psychische Störungen während der Schwangerschaft können zu einer Ablehnung der Schwangerschaft, einer gestörten intrauterinen Mutter-Kind- Beziehung, Mangelernährung mit intrauteriner Entwicklungsstörung des Kindes oder Suchtmittelmissbrauch führen. Das Frühgeburtsrisiko ist erhöht, ebenso steigt das Suizidrisiko.
Auf Grund dieser teils massiven Auswirkungen ist es notwendig, ein engmaschiges Netz für die betroffene Frau zu organisieren, bestehend aus den professionellen BetreuerInnen (ÄrztInnen, PsychotherpeutInnen, GeburtshelferInnen...) und ihrem sozialen Umfeld.
Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang stellt auch die Medikation dar. Dazu ist grundsätzlich zu sagen, dass das Absetzen einer bestehenden psychiatrischen Medikation auf Grund einer Schwangerschaft das Rückfallrisiko erhöht. Es ist daher immer eine Nutzen-Risiko Abwägung vorzunehmen. Eine medikamentöse Behandlung sollte dann erfolgen, wenn der zu erwartende positive Effekt auf die psychische Stabilität größer ist, als die negativen Auswirkungen auf den Schwangerschaftsverlauf und die Entwicklung des Kindes.

Hat eine Frau die Belastungen der Schwangerschaft und der Geburt überstanden erwartet der Großteil des sozialen Umfeldes eine strahlende Mutter, die ihr gerade geborenes, gesundes Kind in ihren Armen hält – auch die Mutter selbst. Für viele Mütter trifft dies jedoch nicht zu.
In nur sehr kurzer Zeit gibt es eine Reihe von Veränderungen im körperlichen, psychischen und soziale Bereich, die es zu bewältigen gilt. Oft führt dies zu einer Überforderung und kann psychischen Störungen auslösen.

Diese postpartalen psychischen Störungen werden eingeteilt in

„Baby“- Blues (ca. 50 %)
Depression (10-20%)
Psychosen ( 1%o)


Risikofaktoren dafür sind:
Prädisposition für psychische Erkrankungen (Erkrankung bereits vor der Schwangerschaft)
Geringe Zufriedenheit in der Partnerschaft
Wenig Unterstützung und Anerkennung durch das soziale Umfeld
Niedriger Selbstwert

Der „Baby Blues“ äußert sich in einer Stimmungslabilität, häufigem Weinen, leichter Irritierbarkeit, Ängstlichkeit, übermäßiger Sorge, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Meist helfen aufklärende, begleitende Gespräche, um die Schuldgefühle zu nehmen, die oft von den Betroffenen empfunden werden.

Die postpartale Depression tritt meist erst in den ersten drei Monaten nach der Entbindung auf. Schwere depressive Verstimmung, Verlangsamung im Denken, Konzentrationsstörungen, Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen, Schuldgefühle und Versagensängste, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Ängste und Gedanken dem Kind etwas anzutun kennzeichnen diesen Zustand.

Die Symptome einer postpartalen Psychose entwickeln sich sehr rasch nach der Geburt und treten z. B. in Form einer Antriebsstörung, gestörtem Realitätsbezug mit teilweise wahnhaftem Erleben, Verwirrtheit und Schlafstörungen auf.
Durch Stillen wird die Psychose nicht beeinflusst.

Sowohl die postpartale Depression als auch die Psychose sind Erkrankungen die teilweise massive Auswirkungen auf die Mutter-Kind -Beziehung haben und zu nachhaltigen Entwicklungsdefiziten beim Kind führen können

Aufklärende Gespräche über die Erkrankung bringen meist schon eine Entlastung von den entstandenen Schuldgefühlen, sowie die aktive Einbeziehung des Kindesvaters oder einer Bezugsperson in die Betreuung des Kindes. Psychotherapeutische Unterstützung in der Auseinandersetzung mit internalisierten (verinnerlichten) Mutterbildern und den Veränderungen kann ebenfalls in der Bewältigung der neuen Situation hilfreich sein. In manchen Fällen ist die Einnahme von Medikamenten notwendig und bringt eine rasche Besserung der Symptomatik. Auch wenn der Wunsch nach Stillen besteht, können Medikamente unter fachärztlicher Betreuung eingenommen werden.

Psychische Störungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt stellen ein Risiko für Mutter und Kind dar. Daher ist es wichtig bei vorbestehenden psychische Erkrankungen und eintreten einer Schwangerschaft mit dem behandelnden Facharzt/ärztin Kontakt aufzunehmen, um das weitere Vorgehen abzusprechen, bei auftreten von psychischen Beschwerden während der Schwangerschaft und/oder nach der Geburt, diese zu erkennen und darüber zu reden, obwohl Scham- und Schuldgefühle dies oft erschweren. Frühzeitige Hilfestellungen entsprechend der individuellen Situation können vorbeugend wirken und so das Risiko für nachhaltige negative Entwicklungen für Mutter und Kind minimieren.

Adresse:
Dr. Beate Müller
Sozialpsychiatrische Ambulanz
Department für Perinatale Psychiatrie
Otto-Wagner-Spital
SMZ Baumgartner Höhe
Psychiatrisches Zentrum Pav. 7/2
1140 Wien
Tel.: 91060-20720 oder 20724

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