Frauen
mit psychiatrischen Erkrankungen und Kinderwunsch bedürfen
einer besonderen psychiatrischen, psycho-und sozialtherapeutischen
Betreuung. Deshalb sollte dieses Thema von den betroffenen Frauen
und den behandelnden ÄrztInnen und TherapeutInnen angesprochen
werden.
Mit ca. 10-20% ist die Depression die häufigste psychische
Erkrankung während der Schwangerschaft und nach der Geburt.
Das Risiko ist umso höher, wenn bereits vor der Schwangerschaft
eine Depression bestanden hat.
Bei Vorbestehen schizophrener oder bipolarer Störungen
besteht während der Schwangerschaft ohne entsprechender
Behandlung ein 50% Rückfallrisiko. Das Risiko an einer
Psychose zu erkranken ist, nach einer Geburt ca. 30mal höher
als zu anderen Zeiten.
Unbehandelte psychische Störungen während der Schwangerschaft
können zu einer Ablehnung der Schwangerschaft, einer gestörten
intrauterinen Mutter-Kind- Beziehung, Mangelernährung mit
intrauteriner Entwicklungsstörung des Kindes oder Suchtmittelmissbrauch
führen. Das Frühgeburtsrisiko ist erhöht, ebenso
steigt das Suizidrisiko.
Auf Grund dieser teils massiven Auswirkungen ist es notwendig,
ein engmaschiges Netz für die betroffene Frau zu organisieren,
bestehend aus den professionellen BetreuerInnen (ÄrztInnen,
PsychotherpeutInnen, GeburtshelferInnen...) und ihrem sozialen
Umfeld.
Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang stellt auch die Medikation
dar. Dazu ist grundsätzlich zu sagen, dass das Absetzen
einer bestehenden psychiatrischen Medikation auf Grund einer
Schwangerschaft das Rückfallrisiko erhöht. Es ist
daher immer eine Nutzen-Risiko Abwägung vorzunehmen. Eine
medikamentöse Behandlung sollte dann erfolgen, wenn der
zu erwartende positive Effekt auf die psychische Stabilität
größer ist, als die negativen Auswirkungen auf den
Schwangerschaftsverlauf und die Entwicklung des Kindes.
Hat eine Frau die Belastungen der Schwangerschaft
und der Geburt überstanden erwartet der Großteil
des sozialen Umfeldes eine strahlende Mutter, die ihr gerade
geborenes, gesundes Kind in ihren Armen hält – auch
die Mutter selbst. Für viele Mütter trifft dies jedoch
nicht zu.
In nur sehr kurzer Zeit gibt es eine Reihe von Veränderungen
im körperlichen, psychischen und soziale Bereich, die es
zu bewältigen gilt. Oft führt dies zu einer Überforderung
und kann psychischen Störungen auslösen.
Diese postpartalen psychischen Störungen
werden eingeteilt in
„Baby“- Blues (ca. 50 %)
Depression (10-20%)
Psychosen ( 1%o)
Risikofaktoren dafür sind:
Prädisposition für psychische Erkrankungen (Erkrankung
bereits vor der Schwangerschaft)
Geringe Zufriedenheit in der Partnerschaft
Wenig Unterstützung und Anerkennung durch das soziale Umfeld
Niedriger Selbstwert
Der „Baby Blues“ äußert
sich in einer Stimmungslabilität, häufigem Weinen,
leichter Irritierbarkeit, Ängstlichkeit, übermäßiger
Sorge, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und
Appetitlosigkeit. Meist helfen aufklärende, begleitende
Gespräche, um die Schuldgefühle zu nehmen, die oft
von den Betroffenen empfunden werden.
Die postpartale Depression tritt meist erst
in den ersten drei Monaten nach der Entbindung auf. Schwere
depressive Verstimmung, Verlangsamung im Denken, Konzentrationsstörungen,
Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen, Schuldgefühle
und Versagensängste, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen
und Ängste und Gedanken dem Kind etwas anzutun kennzeichnen
diesen Zustand.
Die Symptome einer postpartalen Psychose
entwickeln sich sehr rasch nach der Geburt und treten z. B.
in Form einer Antriebsstörung, gestörtem Realitätsbezug
mit teilweise wahnhaftem Erleben, Verwirrtheit und Schlafstörungen
auf.
Durch Stillen wird die Psychose nicht beeinflusst.
Sowohl die postpartale Depression als auch
die Psychose sind Erkrankungen die teilweise massive Auswirkungen
auf die Mutter-Kind -Beziehung haben und zu nachhaltigen Entwicklungsdefiziten
beim Kind führen können
Aufklärende Gespräche über
die Erkrankung bringen meist schon eine Entlastung von den entstandenen
Schuldgefühlen, sowie die aktive Einbeziehung des Kindesvaters
oder einer Bezugsperson in die Betreuung des Kindes. Psychotherapeutische
Unterstützung in der Auseinandersetzung mit internalisierten
(verinnerlichten) Mutterbildern und den Veränderungen kann
ebenfalls in der Bewältigung der neuen Situation hilfreich
sein. In manchen Fällen ist die Einnahme von Medikamenten
notwendig und bringt eine rasche Besserung der Symptomatik.
Auch wenn der Wunsch nach Stillen besteht, können Medikamente
unter fachärztlicher Betreuung eingenommen werden.
Psychische Störungen während
der Schwangerschaft und nach der Geburt stellen ein Risiko für
Mutter und Kind dar. Daher ist es wichtig bei vorbestehenden
psychische Erkrankungen und eintreten einer Schwangerschaft
mit dem behandelnden Facharzt/ärztin Kontakt aufzunehmen,
um das weitere Vorgehen abzusprechen, bei auftreten von psychischen
Beschwerden während der Schwangerschaft und/oder nach der
Geburt, diese zu erkennen und darüber zu reden, obwohl
Scham- und Schuldgefühle dies oft erschweren. Frühzeitige
Hilfestellungen entsprechend der individuellen Situation können
vorbeugend wirken und so das Risiko für nachhaltige negative
Entwicklungen für Mutter und Kind minimieren.
Adresse:
Dr. Beate Müller
Sozialpsychiatrische Ambulanz
Department für Perinatale Psychiatrie
Otto-Wagner-Spital
SMZ Baumgartner Höhe
Psychiatrisches Zentrum Pav. 7/2
1140 Wien
Tel.: 91060-20720 oder 20724