Zum Stigma psychisch
Kranker
von Dr. Gerlinde Berghofer,
Chefarzt Dr. Georg Psota
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„Alte Menschen und junge Menschen,
hoch gebildete und wenig gebildete Personen, alle neigen dazu,
psychisch kranke Menschen als gefährlich, schwer einschätzbar,
unkontrolliert und wertlos wahrzunehmen.“ So schildert
Nunally (1961), wie vor fünfzig Jahren die Allgemeinbevölkerung
auf psychische Erkrankungen mit Angst, Furcht und Abneigung
reagierte.
Auch heute ist eine diskriminierende Sichtweise psychisch kranker
Menschen weit verbreitet. Sie beruht auf Vorurteilen über
Schizophrenie, Psychosen und anderen psychischen Erkrankungen.
So sind etwa viele Menschen davon überzeugt, daß
Schizophrenie unheilbar und unbehandelbar ist, daß Menschen
mit Psychosen in der Regel gewalttätig und gefährlich
sind, daß Schizophrenie ansteckend ist, daß Menschen
mit Psychosen faul und unzuverlässig sind, und daß
alles, was Menschen mit Schizophrene und Psychosen sagen, Unsinn
ist, weil sie zu vernünftigen und selbstbestimmten Entscheidungen
unfähig sind.
Was besagt Stigma im Zusammenhang mit psychischer Erkrankung?
Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwa Wundmal
oder Brandmal. Vergleichbar mit einem Brandmal beginnt Stigmatisierung
in der Regel damit, daß Betroffene als von der sozialen
Norm abweichend abgestempelt werden. Dieser Unterschied zur
sozialen Norm wird meist mit negativen Stereotypen assoziiert,
zum Beispiel: „Menschen mit einer psychischen Erkrankung
sind gefährlich“. Als nächstes findet eine Trennung
zwischen „wir“ und „sie“ statt. Negativ
als psychisch krank abgestempelte Personen werden dann als grundsätzlich
verschieden von Menschen angesehen, die keine psychische Erkrankung
haben. Am Ende des Stigmatisierungsprozesses erfolgt Statusverlust
und Diskriminierung psychisch kranker Menschen (Link & Phelan,
1999).
Die Berichterstattung der Massenmedien wie Fernsehen und Tageszeitungen
fördern häufig, daß psychisch Erkrankte auf
diskriminierende Weise wahrgenommen werden. Diese Medien zeichnen
gerne ein aufsehenerregendes Bild von psychischen Erkrankungen
und von Menschen, die gewalttätig und amoklaufend unsere
Gesellschaft bedrohen. So zeigt etwa eine 1994 durchgeführte
Studie in den britischen Medien (Philo, 1994), daß Gewalttaten
von psychisch Erkrankten viermal so häufig berichtet werden
wie positive oder neutrale und informative Beiträge zu
psychischen Erkrankungen.
Das Ergebnis von Stigma und Diskriminierung sind Menschen mit
psychischen Erkrankungen, die nachteilige Behandlungen erleben
– im Kontakt mit anderen, am Arbeitsplatz, bei der Arbeitssuche,
bei der Wohnungssuche. So kämpfen etwa kommunale Gruppen
darum, Wohnheime und Wohngemeinschaften psychisch Kranker möglichst
aus der eigenen Umgebung fernzuhalten. Von einer psychischen
Erkrankung Betroffene erfahren auch andere Ablehnung, von Nachbarn,
von Arbeitskollegen, von Freunden und Bekannten, von Verwandten.
Stigma und Diskriminierung führen auch im persönlichen
und gesundheitlichen Bereich zu weitreichenden negativen Entwicklungen
für die Betroffenen. Oft erliegen psychisch Kranke den
vorherrschenden Stereotypen von Unfähigkeit und Wertlosigkeit.
Sie ziehen sich dann immer weiter zurück und nehmen eine
Rolle als umfassend „behindert“ ein. Die Konsequenz
ist, daß Krankheitssymptome bestehen bleiben oder sich
sogar verschlechtern. Anstatt sich zu freien, unabhängigen,
selbstverantwortlichen Menschen entfalten zu können, entwickeln
sie dann eine immer weitergehende Abhängigkeit von ihrer
Behandlung und von ihren professionellen Bezugspersonen. In
der Folge ist das Leben von Menschen mit schweren psychischen
Erkrankungen meist von sozialer Isolation geprägt. Dabei
beschränkt sich diese entstehende Isolation häufig
nicht auf die Betroffenen selbst, sondern weitet sich auf ihre
Familien aus. So reagieren die Angehörigen psychisch Kranker
häufig mit Schamgefühlen, Schweigen und Rückzug
aus vertrauten Lebensbereichen. Die wahrgenommene soziale Ächtung
kann sogar soweit führen, daß ganze Familien in eine
neue Nachbarschaft übersiedeln, in der niemand von der
psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds wissen soll.
Nicht selten werden so Familienangehörige selbst zu Betroffenen,
die therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um
mit dem wahrgenommenen Makel Ihrer Familie zurechtzukommen.
Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit dem das Zitat zu
Beginn unseres Beitrags geschrieben wurde. Was hat sich seither
geändert und wie steht die Allgemeinbevölkerung heute
psychisch Erkrankten gegenüber? Zweifellos haben die Einführung
wirksamer Psychopharmaka, die Weiterentwicklung sonstiger therapeutischer
Maßnahmen und der Aufbau gut funktionierender ambulanter
Betreuungseinrichtungen in der Gemeinde die Lebensumstände
psychisch Kranker wesentlich verbessert. Eine tatsächliche
Verringerung oder gar die Beseitigung des mit psychischer Erkrankung
verbundenen Stigma bedarf jedoch über das bisher Erreichte
hinausgehende Veränderungen. Gesellschaftlich verankerte
Einstellungen lassen sich nur langfristig verändern. Das
bloße Übermitteln von Information über psychische
Erkrankungen reicht nicht aus; viele der bisherigen Anti-Stigma
Kampagnen auf nationaler und internationaler Ebene zeigen deshalb
bis dato nur geringe Wirkung.
Die Voraussetzung für die tatsächliche Entstigmatisierung
und Entdiskriminierung von Menschen mit psychischer Erkrankung
liegt in einer dauerhaften und tiefgehenden Informations- und
Aufklärungsarbeit zwischen Betroffenen, Angehörigen,
Experten, Medien und der Allgemeinbevölkerung. So müssen
etwa erfolgreiche Anti-Stigma-Kampagnen neben Informationsveranstaltungen
und Aufklärungen in Schulen vermehrt „opinion-leaders“
in der Gesellschaft und Massenmedien miteinbeziehen. Nicht nur
Schüler, Studenten und die Allgemeinbevölkerung sollten
durch diese Kampagnen angesprochen werden, sondern auch professionelle
Helfer, die im Gesundheitswesen zusammenarbeiten.
Ziel dieser Information und Aufklärung sollte ein allgemeiner
Konsens über wichtige Aspekte psychischer Erkrankung sein,
zum Beispiel:
Das mit psychischen Erkrankungen verbundene Stigma ist weltweit
hoch. In der Überwindung dieses Stigma stellen eine einseitige
Medienberichterstattung und weitverbreitete falsche Stereotypen
der Bevölkerung große Herausforderungen dar. Moderne
Kommunikationstechnologien (Internet, soziale Netzwerke) eröffnen
neue Möglichkeiten, erfolgreich gegen die Stigmatisierung
und Diskriminierung psychisch Kranker vorzugehen und unterstützen
die Hoffnung, daß Menschen mit psychischen Erkrankungen
endlich Menschen mit körperlichen Erkrankungen gleichgestellt
werden.
Diese Gleichstellung der Menschen mit psychischen
Erkrankungen war ein zentrales Anliegen des kürzlich
verstorbenen Gründers und langjährigen Chefarztes
des
PSD Wien, Herrn Prof. Dr. Stephan Rudas.
Der vorliegende Beitrag ist in diesem Sinne allen
psychisch Kranken, ihren Familien und Freunden und
Prof. Dr.Stephan Rudas gewidmet.
Literatur:
Link BG, Phelan JC, Bresnahan M, Stueve A, Pescolido BA (1999)
Public conceptions of mental illness: labels, causes, dangerousness,
and social distance. Am J Public Health, 89, 1328-1333.
Nunally, J.C. (1961) Popular conceptions of mental health: Their
development and change. New York: Holt, Rinehart and Winston.
Philo, G. (1994) Media images and poluar beliefs. Psychiatric
Bulletin, 18, 173-174
Autoren:
Dr. Gerlinde Berghofer, Abteilung Qualitätssicherung, Psychosoziale
Dienste Wien
Dr. Georg Psota, Chefarzt, Psychosoziale Dienste Wien
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