Beiträge von Expertinnen

Meine Arbeit auf der Akutstation

von Fiala Ursula, DGKS

Mein Arbeitsbeginn im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe basierte auf dem Wunsch, zwischen Matura und Studium etwas Geld für die eigene Wohnung zu verdienen.
Damals war es noch möglich, ein so genanntes bezahltes Probejahr zu absolvieren, bevor man sich definitiv für die Schulausbildung entschied.
Eigentlich wollte ich Psychologie studieren, nach diesem Jahr wusste ich aber, dass dieser Beruf für mich Berufung ist und ich beendete meine Diplomausbildung 1986 (schon ein alter Hase, nicht?)

Ich begann auf der Akutstation für den 20. und 21. Bezirk, was heißt, das Aufnahmen aus dieser Region zuerst zu uns auf die Station kommen, egal ob Tag oder Nacht. Diese Menschen, die zur Aufnahme kommen, können ganz verschiedene Krankheiten haben, das können Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Alkohol- oder Drogenproblemen, Borderlinestörungen, Zwangsstörungen, akuten Belastungs- oder Krisensituationen oder psychotischen Störungen sein.

Das interessante und manchmal auch recht lustige an unserer Arbeit sind nicht die Routinetätigkeiten, sondern dass man
- einerseits nie weiß, was einen erwartet, wenn man in die Arbeit kommt
- und dass man andererseits mit Menschen und Beziehung zu tun hat, wo es viel auch an einem selbst liegt, wie ein Gespräch, eine Kontaktaufnahme, oft ein ganzer Tag gelingt.

Bei den Krankheitsbildern, die bei uns auf der Station vorkommen, kann es sein, dass wir Patienten nur bei diesem einen Aufenthalt kennen lernen, weil sie sich nur kurzzeitig in der Krise befinden, oder weil sie nach der Erstmanifestation zu einem Facharzt gehen und nur mehr ambulant betreut werden müssen oder weil die Diagnose nicht richtig gestellt war. Das betrifft aber nur einen kleinen Prozentsatz.
Die meisten Patienten haben es mit einer Krankheit zu tun, die sie ihr weiteres Leben zu mindestens noch eine Zeit lang begleitet und bei der es manchmal ein schwieriger Lernprozess ist, damit umzugehen.
Dazu gehört das Akzeptieren der Krankheit, das Erkennen einer Verschlechterung, das Wiederaufflackern von Symptomen (z.B. einer Schlafstörung), die Bereitschaft, Medikamente zu nehmen, die optimale Medikamenteneinstellung zu finden, mit der man auch leben und arbeiten kann, der Versuchung zu widerstehen, sich durch Drogen oder Alkohol selbst zu therapieren.

Wenn es durch diverse Umstände zu Rückfällen kommt, passiert es häufig, dass erneut eine stationäre Aufnahme notwendig wird, so dass wir Pflegepersonen, Ärzte und Therapeuten zu Begleitern werden (wollen), die diese schwierige Zeit mit den Patienten durchleben und (hoffentlich) auch meistern.
Wichtig wäre mir, dass Patienten verstehen, dass neuerliche, ungewollte (bei freiwilligen Aufnahmen stellt sich das Thema nicht) Aufnahmen keine „Strafe und kein Versagen ihrerseits“ sind, dass wir ihnen nichts Böses wollen, sondern das oft der psychische Zustand für ein Leben „draußen“ noch nicht stabil genug war.
Besonders, wenn derjenige auch noch zu Aggressionen neigt und es zu Übergriffen kommen könnte, sehen wir es als unsere Aufgabe, die unmittelbare Umgebung zu schützen.
Es ist niemandem geholfen, wenn es auch noch zu einer Straftat kommt, die verhindert hätte werden können.
Im Spital ist die Umgebung doch geschützter, auch wenn man diesen Eindruck auf der Akutstation nicht immer hat.

Psychotische Störungen erlebe ich meistens als den Verlust des Realitätsbezugs bei den Betroffenen, eine Art Ausstieg aus der Realität, weil das Leben oder Konflikte, die sehr versteckt und unbewusst sein können, so besser auszuhalten sind. Ursachen gibt es viele: z.B. massiver Druck in der Arbeit oder Schule, Zwistigkeiten zwischen Eltern und Kindern oder Partnern, Wunsch nach Beziehung oder Schwangerschaft, Einsamkeit, der Wunsch, die glücklichste Zeit seines Lebens, kann eventuell die Kindheit sein, wieder zu erleben und vieles mehr.
Auch Gewalt und Aggressionen können Auslöser sein.

Die Anfangszeit ist oft schlimm für den Patienten, weil das Denken und Konzentrieren schwer fällt, weil viele Ideen oder gar Stimmen in einem sind, die Angst machen, überhaupt, wenn sie Befehle erteilen, die man nicht ausführen möchte, wenn man Angst hat, vergiftet zu werden oder wenn man glaubt, Strahlen kommen aus dem Computer oder Fernseher, die einen vernichten sollen.
Auch für mich als Pflegeperson sind diese Symptome schlimm anzuschauen, weil man die Angst, Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit miterlebt und spürt. In dieser Phase geht es ohne Medikamente nicht, das wäre, wie wenn man eine schwere Lungenentzündung ohne Antibiotikum oder einen Herzinfarkt ohne Lysepräparat behandeln wollte.

Mir ist klar, dass die Nebenwirkungen unangenehm sind und die positive Wirkung oft nicht erkannt wird, überhaupt, wenn man sich gar nicht krank fühlt. Trotzdem betrachte ich es in dieser Phase der Krankheit als meine Aufgabe, auf die Medikamenteneinnahme zu achten.
Später kann man es dann mit Psychotherapie und anderen Zugängen auch versuchen, aber in dieser akuten Phase ist der Gedankenfluss, die Orientierung und die Konzentration meist zu schlecht, als dass das Sinn machen würde.
Außer den täglichen Routinegeschehen wie Körperpflege, Essensausgaben, Untersuchungen, Begleitungen zu Untersuchungen u.v.m. betrachte ich es noch als meine Aufgabe, mich mit den Patienten und deren Angehörigen zu unterhalten, Humor einfließen zu lassen, Strukturen zu geben und manchmal „Grenzen zu setzen“, was besonders bei Patienten mit überschäumendem Antrieb und „Plussymptomatik“ unbedingt notwendig ist. Das bringt mir manchmal den Ruf der „strengen“ Schwester ein – aber wer mich besser kennt, weiß, das es nicht so schlimm ist (obwohl mein Mann diese Behauptung sofort unterschreiben würde).

Für einen ersten Beitrag ist das jetzt ganz schön viel geworden, deshalb mache ich jetzt Schluss.
In einiger Zeit möchte ich mich ganz gerne nochmals melden, um über etwas zu schreiben, was auch uns „im Magen liegt“, nämlich medikamentöse Versorgung und Beschränkungen.
Darüber muss ich aber noch ein wenig nachdenken.

Vielleicht gibt es aber auch von eurer Seite Wünsche, Anregungen, Aufarbeitungen, die mich zum Nachdenken und /oder zu einem neuerlichern Beitrag inspirieren. So bald ich computertechnisch ein wenig mehr auf der Höhe bin, registriere ich mich unter „uschi“ in eure site.
Ansonsten hoffe ich, dass mir die Arbeit die nächsten 17 Jahre auch noch Spaß macht, dann sollte ich nämlich in Pension gehen dürfen – wer`s glaubt, wird selig.

Bis bald - vielleicht sehen oder lesen wir uns ja
Uschi