Beiträge von Ärzten

SCHIZOAFFEKTIVE PSYCHOSE –
DEFINITION UND ASPEKTE DER PSYCHOPHARMAKOTHERAPIE

von OA. Dr. Alfred Kubak

 

Die Schizoaffektiven Störungen sind in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen ICD 10 Kapitel V (F) in der Gruppe „Schizophrenie, schizotype und andere wahnhafte Störungen“
(F2) zu finden.

Schizoaffektive Störungen sind episodische Ereignisse, bei denen sowohl affektive als auch schizophrene Symptome in derselben Krankheitsphase auftreten, meistens gleichzeitig oder höchstens durch wenige Tage getrennt. Ihre Beziehung zu den typischen affektiven und schizophrenen Erkrankungen ist unsicher. Patienten, die unter wiederkehrenden schizoaffektiven Episoden leiden, besonders solche, deren Symptome eher manisch als depressiv sind, zeigen in der Regel eine vollständige Rückbildung und es bleibt nur selten ein Restsymptom zurück. Die Diagnose einer schizoaffektiven Psychose sollte nur dann gestellt werden, wenn sowohl eindeutig schizophrene als auch eindeutig affektive Symptome gleichzeitig oder nur durch wenige Tage getrennt während derselben Krankheitsepisode vorhanden sind.

In Abhängigkeit von der jeweiligen stimmungsmäßigen Komponente der Störung können drei Subtypen bezeichnet werden:
- „Schizoaffektive Störung gegenwärtig manisch“ bzw.
- „gegenwärtig depressiv“ oder
- „gegenwärtig gemischt“.

Bei der „schizoaffektiven Störung gegenwärtig manisch“ handelt es sich um eine Störung, bei der sowohl schizophrene als auch manische Symptome in derselben Krankheitsphase auftreten.Die affektive Störung ist gekennzeichnet in Form einer gehobenen Stimmung, vermehrtem Selbstbewusstsein und Größenideen. Gelegentlich stehen auch Erregung und Gereiztheit mit aggressivem Verhalten und Verfolgungsideen im Vordergrund.

Bei der „schizoaffektiven Psychose gegenwärtig depressiv“ treten während derselben Krankheitsepisode sowohl schizophrene als auch depressive Symptome auf. Die depressive Stimmung wird von mehreren depressiven Symptomen bzw. Verhaltensauffälligkeiten wie Verlangsamung, Schlaflosigkeit, Antriebs-, Appetit- oder Gewichtsverlust, Verringerung der üblichen Interessen, Konzentrationsstörungen, Schuldgefühlen und ähnlichem begleitet.

Unter einer „gemischten schizoaffektiven Störung“ sind Symptome einer Schizophrenie mit solchen einer gemischten bipolaren affektiven Störung gemeinsam bestehend, das bedeutet, es besteht ein Abwechseln von manischen und depressiven Episoden, unterbrochen von Perioden normaler Stimmungslage. Manische und depressive Symptome können aber auch gleichzeitig vorhanden sein. Dabei kann gleichzeitig eine depressive Stimmung tage- oder wochenlang von Überaktivität und Rededrang, oder eine manische Stimmungslage von Größenideen und Agitiertheit begleitet sein. Depressive, hypomanische und manische Symptome können aber auch rasch von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, wechseln.

Im Zusammenhang mit einer schizoaffektiven Erkrankung können geringe berufliche Leistungsfähigkeit, eingeschränkte Sozialkontakte, Schwierigkeiten bei der Selbstfürsorge oder ein erhöhtes Suizidrisiko auftreten.
Das typische Erkrankungsalter ist das frühe Erwachsenenalter, obwohl der Krankheitsbeginn zu jedem Zeitpunkt von der Jugend bis zum höheren Lebensalter erfolgen kann.
Betreffend das familiäre Verteilungsmuster gibt es deutliche Hinweise, dass die biologischen Verwandten ersten Grades von Personen mit schizoaffektiver Störung ein erhöhtes Schizophrenierisiko haben. Verwandte von Personen mit schizoaffektiver Störung haben auch ein erhöhtes Risiko für affektive Störungen.

Die klinische Vielfältigkeit schizoaffektiver Störungen stellt eine große therapeutische Herausforderung dar.
Betreffend die Therapie akuter schizomanischer Episoden sprechen sowohl kontrollierte Studien als auch die klinische Erfahrung für den Einsatz von Neuroleptika als Mittel erster Wahl. Bei hochgradig erregten schizomanischen Patienten sind neben den hochpotenten zusätzlich niedrig potente Neuroleptika wegen derer sedierenden Wirkung zu empfehlen. Bei affektdominanten schizomanischen Krankheitsepisoden ist auch eine Kombination mit Lithium oder Valproinsäure (sogenannte Stimmungsstabilisatoren) in Erwägung zu ziehen.

Bei einer Monotherapie schizodepressiver Krankheitsepisoden mit Neuroleptika ist die therapeutische Effizienz bei einer ausgeprägt depressiven Symptomatik eher gering zu sehen. Der Einsatz von Neuroleptika, die sowohl eine neuroleptische als auch antidepressive Wirkung aufweisen, ist ebenso wie eine Kombinationsbehandlung von Neuroleptika und Antidepressiva möglich. Schizodepressive Episoden sind ungleich häufiger als schizomanische und gestalten sich in der Behandlung deutlich schwieriger.

In der Psychopharmakotherapie schizoaffektiver Störungen finden sich Therapieoptionen mit Antikonvulsiva in der Funktion von Moodstabilizer („Stimmungsstabilisatoren“) und Neuroleptika, und hierbei vor allem wieder mit Atypika, die, zusätzlich ihrer neuroleptischen Wirksamkeit, teils ebenfalls Moodstabilizer sind:
Lithium, Valproinsäure, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Lamotrigin, Topiramat, Gabapentin, Olanzapin, Risperidon, Ziprasidon, Zotepin sowie typische Neuroleptika.

Kombinationstherapien ergeben sich mit der Hoffnung eines breiteren Wirkungspotentials bei geringerem Nebenwirkungspotential.

Für Moodstabilizer können folgende Mindestanforderungen postuliert werden:
1)Prophylaktische Wirksamkeit bei den verschiedenen Formen bipolarer Störungen sowie bei schizoaffektiven Störungen und Zyklothymie
2)Kein „Kipp-Phänomen“ (rascher Wechsel zwischen manischer und depressiver Verstimmung)
3)Keine Verschlechterung in der Akutphase.

Moodstabilizer zeichnen sich durch folgende Wirkmechanismen aus:
1)Hemmung der postsynaptischen Signalübertragung im wesentlichen durch eine Verringerung intrazellulärer Calciumfreisetzung
2)Unterdrückung des sogenannten „kindling“, eines elektrophysiologischen Prozesses primär für epileptische Anfälle formuliert, welches die Verhältnisse steigender Vulnerabilität im Krankheitsverlauf beschreibt.

Obgleich Pharmakotherapie die Therapie der Wahl bei schizoaffektiver Störungen ist, ist zugleich aber auch auf den hohen Stellenwert psychotherapeutischer und soziotherapeutischer Maßnahmen hinzuweisen.


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