Beiträge von Ärzten

Genetische Aspekte bei schizophrenen Erkrankungen
oder Ist Schizophrenie (ver)erblich ??

von Fr. OA Dr. Sylvia Schröfl

 

Um es gleich ganz klar zu beantworten: die Antwort ist "JEIN"

Schizophrene Erkrankungen gehören zu den sogenannten "multifaktoriellen" Erkrankungen - das heißt, salopp gesagt, da muss schon einiges zusammenkommen, bis jemand erkrankt.
Dazu gehören, außer den genetischen Faktoren, auch psychologische, soziale, neurobiologische und andere Teilfaktoren, sowie auch "zufällige Ereignisse" die die Anfälligkeit erhöhen.

Wir wollen uns hier aber nur auf die genetischen Faktoren beschränken.
1% der Gesamtbevölkerung erkrankt an Schizophrenie.
Aus Familienstudien ist bekannt, dass das Risiko an Schizophrenie zu erkranken für Verwandte ersten Grades von schizophren erkrankten Personen etwa 11 Mal höher ist als für die Allgemeinbevölkerung.
Da es aber ebenfalls zu einem Ansteigen des Risikos für andere psychische Erkrankungen, wie z.B. Depressionen, für die manisch-depressive Krankheit (MDK) oder für schizoaffektive Psychosen in diesen Familien kommt, könnte man den Schluss ziehen, dass es einen fließenden Übergang zwischen Schizophrenien und affektiven Störungen gibt (Hypothese der sogenannten "Einheitspsychose"). Diese Annahme wird auch durch Verlaufsstudien, Neuroimaging-Untersuchungen und durch das Therapie-Ansprechen auf ähnliche / gleiche Medikamente (z.B. Antipsychotika) gestützt.

Wenn man nun davon ausgeht, dass es - offensichtlich - eine Erkrankungshäufung in verschiedenen Familien gibt, stellt sich die Frage: " was oder wie viel macht der genetische Anteil aus und wie hoch ist der Anteil der "Umwelt" bei der Entstehung der Schizophrenie.
Hier gibt es Daten aus der Zwillingsforschung und aus Adoptionsstudien.
1. Aus der Zwillingsforschung: Verwandte ersten Grades habe 50% der Gene identisch (Verwandte zweiten Grades 25%, Verwandte dritten Grades 12,5%). Monozygote (= eineiige) Zwillinge sind 100% genetisch ident. Dizygote (zweieiige) Zwillinge sind, wie alle anderen Geschwister auch, 50% genetisch ident.
Nun ist es so, dass eineiige Zwillinge eine 48%-ige Konkordanz haben, das heißt, obwohl diese 100% genetisch ident sind gibt es im Bereich der schizophrenen Erkrankung nur eine 48%-ige Erkrankungswahrscheinlichkeit wenn ein Zwilling an dieser Krankheit leidet, zweieiige Zwillinge haben hingegen 17%-ige Konkordanz, das ist deutlich weniger als bei eineiigen Zwillingen, jedoch wesentlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Kinder einer an Schizophrenie erkrankten Person erkranken in 13% der Fälle.
2. Aus Adoptionsstudien: Adoptivkinder, deren leibliche Eltern an Schizophrenie erkrankt sind, haben - trotz Adoption unmittelbar nach der Geburt zu gesunden Adoptiveltern - ein höheres Risiko an Schizophrenie zu erkranken als Adoptivkinder mit gesunden leiblichen Eltern, selbst wenn diese bei schizophrenen Adoptiveltern aufgewachsen sind.

Es lässt sich daher sagen, dass alle diese Studien die Annahme untermauern, dass bei der Entstehung einer schizophrenen Erkrankung genetische Ursachen wahrscheinlich und mitbeteiligt sind.
Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein einzelnes Gen, sondern um polygenetische Einflüsse vieler Gene. Jedes dieser Gene für sich allein, löst noch keine Erkrankung aus !

Als Letztes nun die Frage: "wo sind die Gene am gesamten Genom lokalisiert ?"
Derzeit bietet sich hier in der wissenschaftlichen Literatur ein (noch) immer recht uneinheitliches Bild, was bei einigen dieser Untersuchungsreihen auch an der verschiedenen Methodik liegen könnte.
Allerdings finden sich doch einige immer wieder replizierte Kopplungen auf gewissen Chromosomen, und Hinweise auf genetische Faktoren für Schizophrenie in bestimmten Abschnitten verschiedener Chromosomen, in welchen nun intensiv nach Genen gesucht werden kann.
Zwei Beispiele: es gibt z.B. das Neuregulin-1-Gen auf Chromosom 8 (8p11-21). Bei einer Unterfunktion kommt es über verschiedene Stufen letztendlich auch zu einer Unterfunktion bei einem Glutamatrezeptor, dies verursacht Verhaltensauffälligkeiten die durch Clozapin beseitigt werden können. Zweites Beispiel: bei Abweichungen am Chromosom 22 (22q11) ist eine erhöhte Psychoserate nachweisbar.

Weiters werden in Assoziationsstudien auch sogenannte "Kandidaten-Gene" untersucht für die eine pathogenetische Bedeutung bei Entstehung der Krankheit angenommen wird.
Hier wird vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen "Empfindlichkeiten" bei schlechten oder widrigen "Umweltbedingungen" und psychischen Erkrankungen geben könnte. Diese "Empfindlichkeiten" (Verletzlichkeiten, Vulnerabilität) sind individuell unterschiedlich (siehe auch "Vulnerabilität-Stress Modell" v. Ciompi).

Abschließend also nochmals:
Genau bekannt ist die Natur der genetischen Faktoren bisher noch nicht, auch ein allgemein anerkanntes genetisches Modell wurde bisher noch nicht gefunden; es wird aber daran gearbeitet. Es ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen, dass genetische Faktoren eine (Teil-) Ursache bei der Entstehung schizophrener Erkrankungen darstellen.




Glossar (alphabetisch):

Chromosom: Zellstrukturen die das Erbmaterial enthalten. Im Kern jeder Körperzelle des Menschen befinden sich 23 Chromosomenpaare (46) jeder Chromosomensatz stammt von einem Elterteil (Mutter/Vater). Sie sind durch nummeriert; 1 - 22 sind sogenannte Autosomen, das 23. Chromosomenpaar sind die Gonosomen (Geschlechtschromosomen) x und y, diese bestimmen das weibliche (xx) oder männliche (xy) Geschlecht eines Menschen

Gen: "Erbanlage" (besteht aus einer bestimmten Nukleotidsequenz, die die Aminosäureabfolge von Proteinen festlegt) ein Mensch besitzt ca. 30.000 - 35.000 Gene

Genom: gesamte genetische Information einer Einheit (Zelle, Organ, Mensch.....)

Konkordanz: phänomenologische Übereinstimmung wichtiger Merkmale bei Zwillingen (z.B. Haarfarbe, Augenfarbe, Sommersprossen,....usw.)

Nukleotid: Grundbaustein der DNA / DNS (Desoxyribonukleinsäure)

Pathogenese: Krankheitsentstehung

Phänotyp: Erscheinungsbild eines Individuums

repliziert: von replicare = wieder auseinander falten (-nachbilden, verdoppeln)

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