Um
es gleich ganz klar zu beantworten: die Antwort ist "JEIN"
Schizophrene Erkrankungen gehören zu den sogenannten "multifaktoriellen"
Erkrankungen - das heißt, salopp gesagt, da muss schon einiges
zusammenkommen, bis jemand erkrankt.
Dazu gehören, außer den genetischen Faktoren, auch
psychologische, soziale, neurobiologische und andere Teilfaktoren,
sowie auch "zufällige Ereignisse" die die Anfälligkeit
erhöhen.
Wir wollen uns hier aber nur auf die genetischen Faktoren beschränken.
1% der Gesamtbevölkerung erkrankt an Schizophrenie.
Aus Familienstudien ist bekannt, dass das Risiko an Schizophrenie
zu erkranken für Verwandte ersten Grades von schizophren
erkrankten Personen etwa 11 Mal höher ist als für die
Allgemeinbevölkerung.
Da es aber ebenfalls zu einem Ansteigen des Risikos für andere
psychische Erkrankungen, wie z.B. Depressionen, für die manisch-depressive
Krankheit (MDK) oder für schizoaffektive Psychosen in diesen
Familien kommt, könnte man den Schluss ziehen, dass es einen
fließenden Übergang zwischen Schizophrenien und affektiven
Störungen gibt (Hypothese der sogenannten "Einheitspsychose").
Diese Annahme wird auch durch Verlaufsstudien, Neuroimaging-Untersuchungen
und durch das Therapie-Ansprechen auf ähnliche / gleiche
Medikamente (z.B. Antipsychotika) gestützt.
Wenn man nun davon ausgeht, dass es - offensichtlich - eine Erkrankungshäufung
in verschiedenen Familien gibt, stellt sich die Frage: "
was oder wie viel macht der genetische Anteil aus und wie hoch
ist der Anteil der "Umwelt" bei der Entstehung der Schizophrenie.
Hier gibt es Daten aus der Zwillingsforschung und aus Adoptionsstudien.
1. Aus der Zwillingsforschung: Verwandte ersten Grades habe 50%
der Gene identisch (Verwandte zweiten Grades 25%, Verwandte dritten
Grades 12,5%). Monozygote (= eineiige) Zwillinge sind 100% genetisch
ident. Dizygote (zweieiige) Zwillinge sind, wie alle anderen Geschwister
auch, 50% genetisch ident.
Nun ist es so, dass eineiige Zwillinge eine 48%-ige Konkordanz
haben, das heißt, obwohl diese 100% genetisch ident sind
gibt es im Bereich der schizophrenen Erkrankung nur eine 48%-ige
Erkrankungswahrscheinlichkeit wenn ein Zwilling an dieser Krankheit
leidet, zweieiige Zwillinge haben hingegen 17%-ige Konkordanz,
das ist deutlich weniger als bei eineiigen Zwillingen, jedoch
wesentlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Kinder
einer an Schizophrenie erkrankten Person erkranken in 13% der
Fälle.
2. Aus Adoptionsstudien: Adoptivkinder, deren leibliche Eltern
an Schizophrenie erkrankt sind, haben - trotz Adoption unmittelbar
nach der Geburt zu gesunden Adoptiveltern - ein höheres Risiko
an Schizophrenie zu erkranken als Adoptivkinder mit gesunden leiblichen
Eltern, selbst wenn diese bei schizophrenen Adoptiveltern aufgewachsen
sind.
Es lässt sich daher sagen, dass alle diese Studien die Annahme
untermauern, dass bei der Entstehung einer schizophrenen Erkrankung
genetische Ursachen wahrscheinlich und mitbeteiligt sind.
Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein einzelnes Gen, sondern
um polygenetische Einflüsse vieler Gene. Jedes dieser Gene
für sich allein, löst noch keine Erkrankung aus !
Als Letztes nun die Frage: "wo sind die Gene am gesamten
Genom lokalisiert ?"
Derzeit bietet sich hier in der wissenschaftlichen Literatur ein
(noch) immer recht uneinheitliches Bild, was bei einigen dieser
Untersuchungsreihen auch an der verschiedenen Methodik liegen
könnte.
Allerdings finden sich doch einige immer wieder replizierte Kopplungen
auf gewissen Chromosomen, und Hinweise auf genetische Faktoren
für Schizophrenie in bestimmten Abschnitten verschiedener
Chromosomen, in welchen nun intensiv nach Genen gesucht werden
kann.
Zwei Beispiele: es gibt z.B. das Neuregulin-1-Gen auf Chromosom
8 (8p11-21). Bei einer Unterfunktion kommt es über verschiedene
Stufen letztendlich auch zu einer Unterfunktion bei einem Glutamatrezeptor,
dies verursacht Verhaltensauffälligkeiten die durch Clozapin
beseitigt werden können. Zweites Beispiel: bei Abweichungen
am Chromosom 22 (22q11) ist eine erhöhte Psychoserate nachweisbar.
Weiters werden in Assoziationsstudien auch sogenannte "Kandidaten-Gene"
untersucht für die eine pathogenetische Bedeutung bei Entstehung
der Krankheit angenommen wird.
Hier wird vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen "Empfindlichkeiten"
bei schlechten oder widrigen "Umweltbedingungen" und
psychischen Erkrankungen geben könnte. Diese "Empfindlichkeiten"
(Verletzlichkeiten, Vulnerabilität) sind individuell unterschiedlich
(siehe auch "Vulnerabilität-Stress Modell" v. Ciompi).
Abschließend also nochmals:
Genau bekannt ist die Natur der genetischen Faktoren bisher noch
nicht, auch ein allgemein anerkanntes genetisches Modell wurde
bisher noch nicht gefunden; es wird aber daran gearbeitet. Es
ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen, dass genetische Faktoren
eine (Teil-) Ursache bei der Entstehung schizophrener Erkrankungen
darstellen.
Glossar (alphabetisch):
Chromosom: Zellstrukturen die das Erbmaterial enthalten. Im Kern
jeder Körperzelle des Menschen befinden sich 23 Chromosomenpaare
(46) jeder Chromosomensatz stammt von einem Elterteil (Mutter/Vater).
Sie sind durch nummeriert; 1 - 22 sind sogenannte Autosomen, das
23. Chromosomenpaar sind die Gonosomen (Geschlechtschromosomen)
x und y, diese bestimmen das weibliche (xx) oder männliche
(xy) Geschlecht eines Menschen
Gen: "Erbanlage" (besteht aus einer bestimmten Nukleotidsequenz,
die die Aminosäureabfolge von Proteinen festlegt) ein Mensch
besitzt ca. 30.000 - 35.000 Gene
Genom: gesamte genetische Information einer Einheit (Zelle, Organ,
Mensch.....)
Konkordanz: phänomenologische Übereinstimmung wichtiger
Merkmale bei Zwillingen (z.B. Haarfarbe, Augenfarbe, Sommersprossen,....usw.)
Nukleotid: Grundbaustein der DNA / DNS (Desoxyribonukleinsäure)
Pathogenese: Krankheitsentstehung
Phänotyp: Erscheinungsbild eines Individuums
repliziert: von replicare = wieder auseinander falten (-nachbilden,
verdoppeln)
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